Das Harmonium
oder das weitergereichte schlechte Gewissen
Eine Unterhaltung im örtlichen Bioladen
Die Kundin berichtet der Ladnerin von ihrem Entschluss, sich endlich endlich vom defekten Harmonium zu trennen. Es sei zwar nicht das allerschlechteste, immerhin ein Schiedmayer, aber, so habe ein junger Sammler sie wissen lassen, sowas stehe in jedem Dorf auf zig Dachböden, man müsse sich nur am Ortseingang aufstellen und "Harmonium" raunen...
Der Entschluss zieht mannigfache Folgen nach sich:
Und das ging so:
Klappspaten, ehemaliger Vermieter meines Bruders und seines Zeichens Klavierbauer, also durchaus in der Lage, das Harmonium in spielbarem Zustand an den Mann rsp. die Frau zu bringen, findet eines Tage: das Dingens muss weg. Von jetzt auf nachher. Keine Zeit mehr (ach?), sich umzuhören, wer das gute, damals noch intakte (!!!) Stück denn gerne in Pflege nehmen würde.
Da es aber auch etwas peinlich wäre, ein voll funktionsfähiges Instrument mal eben beim Sperrmüll vorbeizubringen - ganz abgesehen davon, dass dazu ein passendes Fahrzeug vonnöten wäre (Kangoo reicht definitiv nicht) - stellt Klappspaten das gute Stück in den Garten! Wo es beregnet und schließlich von dümmlichen Kindern mehr oder weniger aller seiner Züge beraubt wird.
Dieser Anblick zerstört beinahe Klappspatens empfindsame Seele. Abhilfe muss her, sofort, von jetzt auf nachher. Klappspaten liegt, wie naheliegend, meinem Bruder in den Ohren, der wiederum mir, und so nimmt das Unheil seinen Lauf.
Als das Dingsbums nach viel Umräumarbeiten (siehe oben) endlich in meinem Wohnzimmer steht und die Ausmaße der Zerstörung, zuvor als bedeutungslos dahingesäuselt, sichtbar werden, fühlt sich Klappspaten doch etwas unbehaglich. Er beeilt sich etwas von einem Reparturangebot fallsermalindergegendseioderso zu murmeln. Und ward nicht mehr gesehen.

Mein Bruder ist dann auch ausgezogen, btw.
Eigentlich ist es wirklich schade um das Harmonium, denn, wie gesagt, es ist nicht von ganz schlechten Eltern. Andererseits sehe ich nicht ein, weshalb ich mich mit anderer Leute an mich weitergereichtem schlechtem Gewissen auch nur einen weiteren Tag belasten sollte.
Zumal ich den Platz auch anderweitig brauchen kann. Zum Beispiel für einen zweiten Sessel, eines der beiden Gesellenstücke meines Vaters, die ich beide ganz bestimmt nicht weggeben werde, come hell or high water. Der steht nun seit dem Wiedereinzug meiner Tochter in meinem Musikschul-Arbeitszimmer und verhindert durch seine Anwesenheit, dass dort endlich einmal so aufgeräumt wird, dass ich die vielen Dinge für meine tägliche Arbeit auch übersichtlich und griffbereit aufbewahren kann.
Die Ladnerin darauf: das komme ihr auch bekannt vor. Sie hätten dasselbe Problem. Und hauptsächlich scheitere die Umsetzung des eigentlich schon lange als richtig erkannten Entschlusses - weg damit, wieso haben wir uns überhaupt breitschlagen lassen, anderer Leute schlechtes Gewissen zu übernehmen? - ebenfalls daran, dass man das Dingsbums kaum problemlos wieder zur Wohnung hinausbekommt. Und daran, dass man sich mittlerweile daran gewöhnt hat, die Ablagefläche zu nutzen, die so ein solides Stück Holz bietet. (Daran wäre mein eigener fest gefasster Entschluss, kaum zu glauben, beinahe auch noch gescheitert.)
Sie hätte da eine Idee: ich könnte doch ihr Instrument nehmen...
Was haben wir gelacht!

Nachtrag, eine Nacht und einen halben Tag später:
Gerade in der Waschküche auf Nachbars Waschmaschine eine Vorrichtung zum Ruhigstellen eines erwachsenen Knies gesichtet. Es fuhr heute morgen auch kein Firmenlieferwagen vor dem Haus ab. Muss ich das Projekt "anderer Leute schlechtes Gewissen entsorgen" wohl noch verschieben.
>> Bilder
Eine Unterhaltung im örtlichen Bioladen
Die Kundin berichtet der Ladnerin von ihrem Entschluss, sich endlich endlich vom defekten Harmonium zu trennen. Es sei zwar nicht das allerschlechteste, immerhin ein Schiedmayer, aber, so habe ein junger Sammler sie wissen lassen, sowas stehe in jedem Dorf auf zig Dachböden, man müsse sich nur am Ortseingang aufstellen und "Harmonium" raunen...
Der Entschluss zieht mannigfache Folgen nach sich:
- eine Sperrmüll-Karte Kategorie "Restmüll" (auch wenn das Instrument aus Holz sei: "das kommt bei uns in den Restmüll!!!", wurde die Kundin ungnädig vom zuständigen Resteverwertungs-Müllmann beschieden), Kostenpunkt 10 Euro bis einen halben Kubikmeter, 20 Euro bis einen Kubikmeter (das Harmonium misst 0,8 Kubikmeter...), muss ausgefüllt und die Antwort abgewartet werden
- der Nachbar muss davon überzeugt werden, dass es eine gute Tat ist, am Tag X beim Transport treppab behilflich zu sein. Am Tag X selbst muss
- das Schuhschränkchen ganz nach hinten in den Flur geschoben werden
- der Bücherschrank mit den Instrumenten für die Musikalische Früherziehung, ebenfalls auf dem Flur ansässig, leergeräumt und ganz tief in die Küche hineingeschoben werden
- der Krimskramsschrank auf dem obersten Treppenabsatz, gleich vor der Wohnungstür, ebenfalls leergeräumt und ebenfalls in die Küche hineingeschoben werden (da reicht dann so grade mal eben über die Türschwelle)
- die Kartons auf dem zweitobersten Treppenabsatz, die darauf warten, dass längst Überflüssiges aus dem fraglichen Zimmer in ihnen zum Altpapier transportiert werde, müssen irgendwo in der Wohnung zwischengelagert werden
Und das ging so:
Klappspaten, ehemaliger Vermieter meines Bruders und seines Zeichens Klavierbauer, also durchaus in der Lage, das Harmonium in spielbarem Zustand an den Mann rsp. die Frau zu bringen, findet eines Tage: das Dingens muss weg. Von jetzt auf nachher. Keine Zeit mehr (ach?), sich umzuhören, wer das gute, damals noch intakte (!!!) Stück denn gerne in Pflege nehmen würde.
Da es aber auch etwas peinlich wäre, ein voll funktionsfähiges Instrument mal eben beim Sperrmüll vorbeizubringen - ganz abgesehen davon, dass dazu ein passendes Fahrzeug vonnöten wäre (Kangoo reicht definitiv nicht) - stellt Klappspaten das gute Stück in den Garten! Wo es beregnet und schließlich von dümmlichen Kindern mehr oder weniger aller seiner Züge beraubt wird.
Dieser Anblick zerstört beinahe Klappspatens empfindsame Seele. Abhilfe muss her, sofort, von jetzt auf nachher. Klappspaten liegt, wie naheliegend, meinem Bruder in den Ohren, der wiederum mir, und so nimmt das Unheil seinen Lauf.
Als das Dingsbums nach viel Umräumarbeiten (siehe oben) endlich in meinem Wohnzimmer steht und die Ausmaße der Zerstörung, zuvor als bedeutungslos dahingesäuselt, sichtbar werden, fühlt sich Klappspaten doch etwas unbehaglich. Er beeilt sich etwas von einem Reparturangebot fallsermalindergegendseioderso zu murmeln. Und ward nicht mehr gesehen.

Mein Bruder ist dann auch ausgezogen, btw.
Eigentlich ist es wirklich schade um das Harmonium, denn, wie gesagt, es ist nicht von ganz schlechten Eltern. Andererseits sehe ich nicht ein, weshalb ich mich mit anderer Leute an mich weitergereichtem schlechtem Gewissen auch nur einen weiteren Tag belasten sollte.
Zumal ich den Platz auch anderweitig brauchen kann. Zum Beispiel für einen zweiten Sessel, eines der beiden Gesellenstücke meines Vaters, die ich beide ganz bestimmt nicht weggeben werde, come hell or high water. Der steht nun seit dem Wiedereinzug meiner Tochter in meinem Musikschul-Arbeitszimmer und verhindert durch seine Anwesenheit, dass dort endlich einmal so aufgeräumt wird, dass ich die vielen Dinge für meine tägliche Arbeit auch übersichtlich und griffbereit aufbewahren kann.
Die Ladnerin darauf: das komme ihr auch bekannt vor. Sie hätten dasselbe Problem. Und hauptsächlich scheitere die Umsetzung des eigentlich schon lange als richtig erkannten Entschlusses - weg damit, wieso haben wir uns überhaupt breitschlagen lassen, anderer Leute schlechtes Gewissen zu übernehmen? - ebenfalls daran, dass man das Dingsbums kaum problemlos wieder zur Wohnung hinausbekommt. Und daran, dass man sich mittlerweile daran gewöhnt hat, die Ablagefläche zu nutzen, die so ein solides Stück Holz bietet. (Daran wäre mein eigener fest gefasster Entschluss, kaum zu glauben, beinahe auch noch gescheitert.)
Sie hätte da eine Idee: ich könnte doch ihr Instrument nehmen...
Was haben wir gelacht!

Nachtrag, eine Nacht und einen halben Tag später:
Gerade in der Waschküche auf Nachbars Waschmaschine eine Vorrichtung zum Ruhigstellen eines erwachsenen Knies gesichtet. Es fuhr heute morgen auch kein Firmenlieferwagen vor dem Haus ab. Muss ich das Projekt "anderer Leute schlechtes Gewissen entsorgen" wohl noch verschieben.
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zwitscherbirdie - 19. Okt, 23:20